Datensammlungen

Qualitative Forschung gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die Zahl qualitativer Projekte ist in den letzten Jahren rapide gestiegen und immer mehr Forschungsmittel fließen nunmehr auch in qualitative Studien. Gerade qualitatives Datenmaterial ist oft sehr umfangreich und deckt aufgrund der offenen Herangehensweise dieses Forschungsansatzes meist weitere Themenfelder ab als zur Beantwortung der ursprünglichen Forschungsfrage eigentlich notwendig. Insbesondere Tiefeninterviews oder lebensgeschichtliche Interviews umfassen weite Themenbereiche, die in der Analyse meist bei Weitem nicht alle vom Primärforscher ausgeschöpft werden. Aufgrund der sehr persönlichen Interaktion zwischen ForscherInnen und Beforschten liefern qualitative Daten in der Regel ein tieferes, detailreicheres Bild als quantitative Daten es vermögen. Trotzdem werden aus qualitativen Forschungsprozessen entstandene Daten in vielen Fällen nur einmal und oft auch nur partiell im Rahmen eines Projektes oder Dissertationsvorhabens genutzt. Zeit- und kostenaufwändig erhobenes Material landet am Datenfriedhof oder verschwindet in den Beständen der Institute und ForscherInnen. So innovativ qualitative Sozialforschung auch vorangetrieben wird, so hat sich doch in all den Jahren bisher kaum bis keine Kultur der Archivierung und Sekundärnutzung etabliert, wie es diese beispielsweise für quantitative Daten seit Jahren gibt. Meistens gibt es nur die aus der Forschung hervorgehende Publikation oder Dissertation. Weiteres Analyse- und Nutzungspotential der Daten bleibt ungenutzt. Besonders virulent ist dieser Informationsverlust und ungenützte Arbeits- und Zeitaufwand bei Daten aus Projekten, zu denen es nie eine Veröffentlichung gab, in denen aber trotzdem reichhaltiges Datenmaterial erhoben wurde.

Nur in England gibt es an der University of Essex ein Archiv für qualitative Daten, das seit Jahren erfolgreich arbeitet, aber das aus einem guten Grund deshalb so erfolgreich ist, weil für geförderte Projekte eine gesetzliche Archivierungspflicht vorgeschrieben ist und sich nun bereits seit mehr als zehn Jahren eine Tradition der Sekundärnutzung und Archivierung etablieren konnte. In anderen Ländern gibt es Versuche, qualitative Archive einzurichten: So in Finnland, Deutschland, Schweden, Dänemark, Irland, Tschechien und der Schweiz. In vielen Fällen sind diese Vorhaben allerdings mit großen Schwierigkeiten konfrontiert, die nicht nur in der fehlenden Verankerung einer Idee der Archivierung und Sekundärnutzung begründet liegen, sondern auch und vor allem in der mangelnden Finanzierung derartiger Projekte.

WISDOM versucht nun für Österreich ein solches qualitatives Datenarchiv einzurichten. Längerfristiges Ziel ist es, über das mehr oder weniger zufällige Sammeln verfügbarer Daten in kaum bekannten Archiven einzelner ProfessorInnen hinaus zu gehen zu einer systematischen Akquirierung insbesondere auch aktueller qualitativer Datensätze aus Dissertations- und anderen Forschungsprojekten. NutzerInnenfreundliche Aufbereitung des Datenmaterials und das Bekannt- und Zugänglichmachen der Daten für die wissenschaftliche Community sollen neue Möglichkeiten in den Bereichen Forschung, Lehre und Methodenentwicklung eröffnen. Einen ersten Schritt in diese Richtung stellt die vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung geförderte Machbarkeitsstudie dar, die Ende Juni abgeschlossen wurde. Einen weiteren Schritt auf diesem Weg ist das Archivierungsprojekt AQUA-DAT in Zusammenarbeit mit der Fakultät für Sozialwissenschaften.

Aktuelle Projekte:

  • Machbarkeitsstudie zur Archivierung und Sekundärnutzung qualitativer Daten
  • AQUA-DAT: Archivierung qualitativer und quantitativer Daten an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien

Kontakt: MMag. Andrea Smioski, Email: andrea.smioski@wisdom.at