Frage I 9)
Welche Auswirkungen werden (österreichische) Direktinvestitionen in den neuen Mitgliedsstaaten selbst haben?
Zusammenfassung
Ausländische Direktinvestitionen unterstützen den Transformationsprozess in den MOEL und tragen damit zu einer Verringerung des noch immer großen Wohlstandsgefälles bei. Vor allem in Ungarn, in letzter Zeit auch in Tschechien, Polen und der Slowakei spielen passive FDI eine wesentliche Rolle hinsichtlich Beschäftigung, Investitionen, Umsatz und Exporte - letzteres gilt insbesondere für den industriellen Sektor.
Insgesamt haben die MOEL durch den Zustrom von ausländischem Kapital deutlich profitiert und sie werden es auch weiterhin tun, wenn auch die Wirkungen im Detail nicht immer leicht zu identifizieren sind. Durch die damit induzierte wirtschaftliche Erholung können über vermehrte Importe aus der EU auch positive Wirkungen auf die gegenwärtigen Mitgliedstaaten der EU erwartet werden.
ANHANG (Detailanalyse)
Einleitung
Ausländische Direktinvestitionen (passive FDI) in den MOEL beschleunigen den Transformationsprozess in den Kandidatenländern und erhöhen deren Wettbewerbsfähigkeit. Damit tragen sie zur Verringerung der noch immer großen Wohlstandsunterschiede bei. Mit den FDI ist zumeist ein Ressourcentransfer in Form von Kapital, Technologie, Forschung und Management verbunden, der sowohl zur Vergrößerung der Produktionskapazitäten in den Gastgeberländern als auch zur Verbesserung der Produktqualitäten beiträgt. Nicht zu unterschätzen ist auch ein "Demonstrationseffekt": Der Zustrom von privatem Investitionskapital wird allgemein als wichtiger Indikator für das Ausmaß an Reformschritten in den MOEL gewertet. Zudem werden die Konzernzentralen der MOEL-Töchter gegen jeglichen westlichen Protektionismus als wirksame Lobby auftreten. Auf makroökonomischer Ebene ergänzen ausländische Direktinvestitionen das inländische Sparen und unterstützen somit die Finanzierung der öffentlichen Haushalte und der Leistungsbilanz (siehe Stankovsky 1996).
Kurz nach der Öffnung des Eisernen Vorhanges wurde der Kapitalbedarf in den Oststaaten als sehr hoch eingeschätzt, weil der Kapitalstock als ziemlich veraltert galt und von einem schnellen Aufholprozess ausgegangen wurde. Der Zustrom an ausländischen Direktinvestitionen blieb jedoch anfänglich weit hinter den Erwartungen zurück, was mit der fehlenden politischen und finanziellen Stabilität, mit unzulänglicher Rechtssicherheit und mit dem enttäuschenden Tempo der Transformation zusammenhing. Doch gegen Ende der 90er Jahre konnten vor allem die MOEL mit einer klaren Perspektive des EU-Beitrittes mehr und mehr FDI anziehen: Ungarn, Tschechien, Polen, Slowakei, Slowenien und die Baltischen Staaten erwiesen sich bisher als wesentlich attraktivere Standorte als Rumänien, Bulgarien und die Staaten Ex-Jugoslawiens. Die nunmehrigen Kandidatenländer haben allerdings in den letzten Jahren deutlich zugelegt.
Auswirkungen im Einzelnen
Während für die EU insgesamt der Kapitalabfluss Richtung MOEL eine untergeordnete Größe darstellt, sind die ausländischen Direktinvestitionen für die Oststaaten von entscheidender Bedeutung: In Tschechien machen die passiven Direktinvestitionsbestände 2004 48% des BIP aus, in Ungarn 55,1%, in der Slowakei 33,2% und in Polen 25,7% - weltweit liegt der Schnitt 2004 bei etwa 23%, in Österreich bei etwa 22% (siehe Tabelle 4 und OeNB 2005, S.76). 15,4% der Brutto-Anlageinvestitionen im Jahr 2004 gehen in Tschechien auf passive FDI zurück - nach einem Höchststand von 43,2% im Jahr 2002 - , in Ungarn liegt der Wert bei 18,6%, in Polen bei 13,8% und in der Slowakei bei 11,1%.
Im zeitlichen Verlauf zeigt sich ein deutliches Muster: Investitionskapital floss zuerst, also Anfang der 90er Jahre, nach Ungarn, gefolgt von Tschechien, Polen, der Slowakei und schließlich Slowenien. In Ungarn arbeiteten 1999 27,4% der Beschäftigten in Auslandstöchtern von Multinationalen Unternehmen, diese tätigten 56,9% der Investitionen und etwa 50% der Umsätze. Im industriellen Sektor ist diese Dominanz der Multis noch ausgeprägter (siehe Hunya 2002a, p.10): In Ungarn arbeiten 46,5% der Beschäftigten in der Industrie bei ausländischen Töchtern (in Polen sind es 29,4%, in Tschechien 26,9%); diese tätigen 82,2% der Investitionen (P: 63,1%, CZ: 52,7%) und 73% der Umsätze (P: 49%, CZ: 42,4%).
In den Ländern Süd-Ost-Europas blieb der Zustrom an ausländischen Direktinvestitionen zumeist noch weit hinter den Erwartungen zurück. 2004 verzeichnete diese Region allerdings einen Anstieg der passiven FDI um 18%, der zum überwiegenden Teil auf die Kandidatenländer Rumänien und Bulgarien entfiel.
Die EU ist der Hauptinvestor in den MOEL. Zwischen den EU-Mitgliedstaaten zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede: Der Großteil der Investitionen in die MOEL 5 (Tschechien, Polen, Slowakei, Slowenien und Ungarn) kommt aus Deutschland, gefolgt von den Niederlanden. Frankreich und Österreich liegen mit jeweils 8 - 9% annähernd gleichauf; von den nachfolgenden Ländern erreicht keines mehr als 5% (WIIW 2005, S.8).
Auf theoretischer Ebene (siehe die oben angeführten Argumente) sollten passive FDI und Wachstum eng miteinander verbunden sein (eine hohe Korrelation aufweisen). FDI fördern einerseits das Wachstum und die Transformation, sie reagieren andererseits aber auch positiv auf hohe Wachstumsraten. Daher ist die Kausalitätsrichtung a priori nicht eindeutig. Wird beispielsweise für die Länder CZ, P, H, SLO und SLK das Wachstum der Jahre 1994-2001 kumuliert und in Beziehung gesetzt zu den kumulierten passiven Direktinvestitionsströmen pro Kopf von 1994-2001 so zeigt sich empirisch sogar ein ziemlich deutlicher negativer Zusammenhang (Tschechien beispielsweise hat das niedrigste Wachstum in der Gruppe, aber die meisten FDI). Daraus folgt, dass entscheidende andere Faktoren (wie institutionelle Stabilität, Privatisierungen, etc.) eine Rolle spielen müssen. Hunya 2000 weist immerhin auf einen engen Zusammenhang von Entwicklungsniveau (BIP pro Kopf) und Direktinvestitionsbeständen pro Kopf hin (siehe Hunya 2002a, S.2, Hunya 2000, S.3 und Stankovsky 1996, S.130).
In den Auslandstöchtern ist die Arbeitsproduktivität etwa doppelt so hoch wie in den nationalen Unternehmen (in Ungarn sogar 3-mal so hoch). Auch die Exportneigung und die Investitionsbereitschaft sind in den ausländischen Unternehmen deutlich höher. Hunya 2002a schreibt dazu: "the foreign sector specializes in high-tech and export-oriented industries, the domestic sector in low-tech and domestic-market-oriented industries, thus leading to the emergence of an unhealthy duality; and … research confirms the existence of technology transfer through FDI, but finds no productivity spillover to the domestic sector" (S.i). Daraus folgt, dass die positiven Wirkungen auf die nationalen Unternehmen offensichtlich (noch nicht) sichtbar werden. Daraus könnte sich eine "unhealthy duality" ergeben - ein starker, von ausländischen Kapitalgebern dominierter Sektor, der nicht zu den erwarteten "productivity spill overs" führt, andererseits aber seine Marktmacht in Form von Druck auf die nationale Wirtschaftspolitik geltend machen könnte (Stankovsky 1996, S.134).
Abschließend noch eine Bemerkung zu den Wirkungen des EU-Beitrittes der MOEL hinsichtlich der Direktinvestitionen (siehe Tabelle 5 und Abbildung 1): Nach Breuss 2001 werden die MOEL (insbesondere Ungarn, Polen und Tschechien) deutlich durch die passiven ausländischen Direktinvestitionen gewinnen. Die kumulierten BIP-Gewinne werden im Fall von Ungarn sogar 0,81% betragen. Insgesamt haben die MOEL durch den Zustrom von ausländischem Kapital jedenfalls profitiert und sie werden es auch weiterhin (beispielsweise durch den Beitritt zur EU) tun, wenn auch die Wirkungen im Detail nicht immer leicht zu identifizieren sind.
Datenanhang
Tabelle 1 - 4: Passive Direktinvestitionsbestände

Quelle: WIIW (2005)
Tabelle 5: Integrationseffekte der EU-Erweiterung: FDI und Reales BIP
Quelle: WIFO-Simulationen mit dem OEF Global Model. 1) Bulgarien, Tschechien, Ungarn, Kasachstan, Polen, Rumänien, Russland, Slowenien, Ukraine.
Abbildung 1: FDI-Ströme vom Westen in den Osten bringen Gewinne in den MOEL und Verluste in der EU (Reales BIP, kumulierte Abweichung von der Basislösung in %)

Quelle: Breuss (2001)
Literatur
Altzinger et.al.(2000), Transnationale Direktinvestitionen und Kooperationen, Teilprojekt 5 – PREPARITY, Wien, Dezember 2000.
Boeri,T.,Brücker,H.(2000), The Impact of Eastern Enlargement on Employment and Labour Markets in the EU Member States, Chapter 5.4. „The impact of foreign direct investment and other capital movements“, Final Report, EU-Commission, Berlin/Milano 2000.
Breuss, Fritz (2001), Makroökonomische Auswirkungen der EU-Erweiterung auf alte und neue Mitglieder, Teilprojekt 12 – PREPARITY, Wien, April 2001.
Hunya, Gábor, Recent FDI Trends, Policies and Challenges in South-East European Countries, in: WIIW Research Reports, No 273, December 2000.
Ders., Recent Impacts of Foreign Direct Investment on Growth and Restructuring in Central European Transition Countries, in: WIIW Research Reports, No 284, May 2002a.
Ders., Restructuring through FDI in Romanian Manufacturing, in: WIIW Research Reports, No 287, August 2002b.
OeNB (2005), 2004 - Ein erfolgreiches Jahr für Österreichs Außenwirtschaft, in: OeNB Statistiken Q3/05.
Stankovsky, Jan (1996), Bedeutung ausländischer Direktinvestitionen in Osteuropa, in: Wifo-Monatsberichte 2/1996.
WIIW (2005), Database on Foreign Direct Investment in Central, East and Southeast Europe: Opportunities for Acquisiton and Outsourcing, Vienna, May 2005.
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