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Zeitdistanzen

Zeitdistanzen bilden eine eigene vergleichende Methode im Bereich der Gesellschaftswissenschaften, die seit den achtziger Jahren vom slowenischen Wirtschaftsprofessor Dr. Pavle Sicherl (SICENTER und Universität Ljubljana) aufgebaut wurde.

ZDAnet ist eine Internetplattform, die sich zur Aufgabe gestellt hat, diesen neuen statistischen Methodenansatz einer interessierten Öffentlichkeit vorzustellen. Konzept, Programmierung und Basisimplementierung von ZDAnet erfolgen im Rahmen einer Dissertation, die Weiterentwicklung und Betreuung der Applikation erfolgt am WISDOM, sodass auch in Zukunft eine Fortführung des Projekts gewährleistet ist.

Zeitdistanzen

Eines der interessantesten und schlagendsten Beispiele für die Nützlichkeit von Zeitdistanzanalysen lässt sich über die Tabelle und das damit korrespondierende Schaubild geben. In der Tabelle wird die Entwicklung des Bruttoregionalprodukts dreier österreichischer Bundesländer dargestellt. Die Tabelle wirkt auf den ersten und sogar auf den zweiten Blick nur dadurch interessant, dass scheinbar keine großen Veränderungen innerhalb dieses Zeitraums passieren. Die Tabelle vermittelt im wesentlichen eine „No change-Sichtweise“, was die relativen Abstände und Entwicklungslinien dieser drei Bundesländer betrifft.

Tabelle: Bruttoregionalprodukt dreier österreichischer Bundesländer 1974 - 1992

Beispielgrafik Zeitdistanzen

Das Bild ändert sich jedoch schlagartig, wenn man zum Schaubild überwechselt, worin dieselbe Information aus der Tabelle in Zeitdistanzen ausgedrückt wird.

Auf den ersten Blick wird deutlich, dass sich in dem Zeitraum zwischen 1974 und 1992 ein dramatischer Divergenzprozess ereignet hat. Wien war 1974 zwar deutlich über dem österreichischen Durchschnitt – und dies manifestiert sich in Zeitdistanzen mit einem Wert von rund sieben Jahren vor dem österreichischen Durchschnitt. Kärnten lag 1974 nahe beim österreichischen Durchschnitt und nur das Burgenland wies 1974 ein stärkeres Entwicklungsgefälle auf, das sich in einem Zeitdistanzwert von rund zwölf Jahren zu Buche schlug. Insgesamt aber lagen 1974 die Entwicklungsniveaus der drei österreichischen Bundesländer nahe beisammen.

Wendet man sich hingegen auf den Endpunkt im Jahre 1992 zu, dann wird offensichtlich, dass sich die Zeitdistanzen zwischen diesen drei Bundesländern dramatisch vergrößert haben. Wien vermag seine Position auf einen Wert um 17 Jahre auszubauen, Kärnten verliert seine schwache Position relativer Rückständigkeit und fällt auf einen Zeitdistanzwert von beinahe 15 zurück und auch Burgenland vergrößert seine Zeitdistanzen zum österreichischen Durchschnitt signifikant und findet sich im Jahre 1992 mehr als zwanzig Jahre hinter dem österreichischen Durchschnitt wieder.

Schaubild: Zeitdistanz-Transformation der Tabelle

Beispielgrafik Zeitdistanzen

Zeitdistanzanalysen greifen auf bestehende Zeitreihen zu und ändern im wesentlichen nur die Perspektive und die Art der Berechnung: Aus der traditionellen Analyse – wie hoch sind die Unterschiede zwischen zwei Regionen in einem Jahr – verwandelt sich die neue Problemstellung in die Frage, wann eine Region den bestehenden Wert in einer anderen Region bereits erreicht hat. Wird diese Frage für alle vorhandenen Werte beantwortet, so lässt sich die Zeitreihe der Tabelle vollständig in eine neue Zeitreihe verwandeln, in der sich dann in allen Spalten Zeitdistanzen, ausgedrückt in Jahren, finden. Zeitdistanz-Analysen sind daher ein paradigmatischer Fall dafür, bestehende Daten auf neue Weise zu verwenden und dadurch überraschende oder gegen-intuitive Ergebnisse zu erzeugen.