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Forschungsethik
Die Sozialwissenschaften (sowie eine Reihe von Fachverbänden) haben ethische Richtlinien promulgiert, die ForscherInnen verpflichten, die Vertraulichkeit von Forschungsdaten zu gewährleisten. Sowohl die Rechte der Befragten als auch ihre weitere Bereitschaft freiwillig der wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung zu stehen sind in Abhängigkeit dieser Berufsethik zu sehen. Die Richtlinien betreffen alle TeilnehmerInnen an einem Forschungsvorhaben: von den PrimärforscherInnen über die ArchivarInnen zu den SekundärnutzerInnen der Daten.
Dieser Abschnitt basiert im Wesentlichen auf den Arbeiten von Marcia Freed-Taylor (Ethische Überlegungen zu europäischer länderübergreifender Forschung).
Warum ethische Fragen in der Forschung von Bedeutung sind
Sozialwissenschaftliche Forschung ist vielfältig und wird in unterschiedlichsten kulturellen, rechtlichen, ökonomischen und politischen Umfeldern durchgeführt. ForscherInnen müssen eine Balance finden zwischen ihren eigenen Forschungsinteressen oder denen ihrer Forschungseinrichtungen und jenen ihrer Forschungspartner und Fördergeber. Unter diesen Umständen ist die Aufmerksamkeit gegenüber ethischen Fragen oft begrenzt. Und dennoch: die Verletzung ethischer Standards kann den gesamten Forschungsprozess unterminieren.
Bezüglich quantitativer Forschung können Verletzungen ethischer Richtlinien Einschränkungen für andere ForscherInnen bedeuten, die zu einem späteren Zeitpunkt hochwertige und reliable Daten erheben wollen; der Zugang zu Befragten kann sich für weitere Forschungen schwieriger gestalten und auch der Zugang zu bestehenden Datensätzen kann sich schwer gestalten. Forschungsdesigns und –Verfahren die ethische Standards nicht einhalten und PartizipientInnen nicht den nötigen Respekt einräumen, führen wahrscheinlicher zu Fehlschlüssen, unvollständigen oder fehlerhaften Ergebnissen.
In Zeiten da Daten zwischen Ländern und nationalen Einrichtungen immer häufiger ausgetauscht und weitergegeben werden, stellen sich auch vermehrt Probleme. Den untersuchten Personen muss versichert werden, dass auch andere ForscherInnen mit ihren Daten verantwortungsvoll umgehen. Und das ist keineswegs unkompliziert, da viele Staaten unterschiedliche oder keine Datenschutzgesetze in Kraft haben. Diese Unterschiede zwischen nationalen Standards und Verfahren sowie in der Wahrnehmung der Forschungsgemeinschaft und Gesellschaft als Ganzes können vergleichende sozialwissenschaftliche Forschung zu einem komplizierten Vorhaben machen und in manchen Fällen hindern.
Es handelt sich nicht länger um ein bloß technisches Problem. Was nötig ist, ist eine Akzeptanz des Bedarfs gemeinschaftlicher ethischer Belange durch die Forschungsgemeinschaft selbst und die Einnahme der Rollen ethisch sensibler ForscherInnen, verantwortungsvoller DatenerheberInnen und gewissenhafter DatengeberInnen durch die Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft.
Was bedeutet ethische Forschungspraxis?
Das Fundament ethischer Forschungspraxis ist die Einhaltung bestimmter Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft, Förder- und Arbeitgebern und nicht zuletzt gegenüber den untersuchten Personen. Ethische Überlegungen stellen sich von Beginn der Forschung an, nämlich mit der Entscheidung eine empirische Untersuchung durchzuführen, und stellen sich fortwährend während des Forschungsverlaufs von der Durchführung, dem Management und der Administration der Forschung (bspw. der Definition von Forschungsfragen), über Effekte auf die und Beziehungen zu den Befragten, das Wahrnehmen von Grenzen der eigenen Kompetenzen und den Effekten auf größere Gruppen, bis zu den Interpretationen und der Berichtstellung der Forschungsergebnisse.
Grundsätzliche Überlegungen umfassen:
- Die Notwendigkeit gesetzesmäßig vorgeschriebene Rechte von Personen oder Gruppen zu schützen, ungebührliches Einmischen zu vermeiden, Einverständniserklärungen einzuholen und das Recht auf Privatsphäre von Personen und sozialen Gruppen zu schützen.
- Die Notwendigkeit Forschungsfragen und –programme objektiv zu formulieren, die Bandbreite der Forschung zu erweitern und das Vertrauen in den Forschungsprozess zu erhalten.
- Die Notwendigkeit sensibel und bewusst gegenüber sozialen und kulturellen Unterschieden zu bleiben und widersprüchliche Interessen zu bedenken.
- Die Notwendigkeit Untersuchungsergebnisse vollständig und objektiv darzustellen und umfassende Informationen zur angewendeten Methodologie zur Verfügung zu stellen, sodass die Forschung für andere ForscherInnen nachvollziehbar und das Vertrauen in die Reliabilität der Ergebnisse gegeben ist.
Welche Ethikkontrollen gibt es bereits?
Es gibt vier verschiedene Ethikkontrollen. Die meisten bestehenden Kontrollen enthalten Elemente davon:
- Extern auferlegte Kontrollen durch Recht und Gesetzgebung, administrative oder vertragliche Vereinbarungen und Genehmigungen sowie die Umsetzung technischer Lösungen.
- Datenschutzgesetze beziehen sich auf den Schutz des Rechts von UntersuchungssteilnehmerInnen auf Privatsphäre. Die rechtlich verankerten Maßnahmen sowie die Strenge ihrer Umsetzung variieren stark zwischen den einzelnen europäischen Ländern (s. Abschnitt zu Datenschutz).
- Interner Bewertungsausschuss, der Forschungsprojekte, in denen Personen als untersuchte Subjekte vorkommen, auf ethische Tauglichkeit überprüft. Viele Universitäten, Institute, Spitäler und Forschungseinrichtungen verfügen über derartige Ausschüsse, genauso wie Ministerien und statistische Institute.
- Maßnahmen, die von Archiven, Datenschnittstellen und elektronischen Zugangsportalen angewendet werden um sicherzustellen, dass ethische Grundsätze und Richtlinien nicht verletzt werden und die Sanktionen bei Missbrauch – insbesondere von statistischem Material – vorschreiben und exekutieren. Die Wirksamkeit dieser Maßnahmen erleichtert die Probleme von ForscherInnen, die datenbasierte Forschung in Betracht ziehen erheblich und entschärft die Sorge von DatenerheberInnen, dass Daten missbräuchlich verwendet werden. Darüber hinaus gewährleisten sie erleichterten Zugang zu Daten über eine zentralisierte Informationsbeschaffung und eine Standardisierung der Daten und der Zugangsregelungen zu diesen.
- Intern auferlegte Kontrollen durch interne Verordnungen, bspw. Ausbildungsprogramme oder die Entwicklung von Berufsregeln.
- Zur Ausbildung gehörende Kontrollenim Zuge von sozialwissenschaftlichen Kursen oder Seminaren.
- Berufliche Ethikvorschriften, best practice.
Die Basis all dieser Regelungen ist die Auseinandersetzung mit den grundlegenden Fragen, die sich bei empirischer Forschung stellen und den Entscheidungen, die bezüglich der Durchführung, Organisation und den angewendeten Methoden getroffen werden müssen.
Die Regelungen kommen in unterschiedlicher Form zur Anwendung und sollen mehr als Wegweiser dienen, denn als exakte Verordnungen. Die wichtige zugrunde liegende Prämisse ist, dass jede Abweichung von den Standards nicht zufällig passiert, sondern das Resultat bewusster Entscheidungsprozesse sein sollte.
Arten beruflicher und akademischer Ethikkodizes
Es gibt drei elementare berufliche Ethikkodizes:
- „Ideale“ oder „angestrebte“ Ethikkodizes, welche die idealen Arbeitsweisen eines Berufs umfassen, in dieser Form aber aufgrund realer Einschränkungen und konkurrierender Werte nicht immer umgesetzt werden.
- „Regulative“ oder „strafende“ Kodizes, welche explizit Regeln vorschreiben und festlegen, welche Handlungen erlaubt sind und welche nicht. Diese Vorschriften müssen nicht für alle ForscherInnen geltend sein.
- „Individuelle“ Kodizes, die weder moralistisch noch regulativ sind und davon ausgehen, dass ethische und moralische ForscherInnen vor dem Hintergrund der eigenen Werte individuelle Entscheidungen über ihr Vorgehen treffen.
Die große Mehrheit der Ethikkodizes ist nationaler Art sowie disziplinenspezifisch. In letzter Zeit beginnen aber auch internationale Forschung und Fördergeber ethische Kodizes an zudenken und zu implementieren. Eine exemplarische Liste mit Ethikkodizes und Beispielen ethischer Forschung gibt eine Übersicht darüber, wie oben stehende Richtlinien ausgewählt und umgesetzt wurden.
Eine weiträumigere Einführung und Diskussion der Belange rund um die Einhaltung von Ethikkodizes und best practice in sozialwissenschaftlicher Forschung findet sich auf der Webseite des RESPECT Projekts. RESPECT war ein Projekt im Rahmen des Schwerpunktes Technologien der Informationsgesellschaft (IST) des 6. Rahmenprogramms der Europäischen Kommission. Ziel war die Ausarbeitung beruflicher und ethischer Richtlinien für die sozialwissenschaftliche Forschungspraxis. Diese bilden die Basis einer freiwilligen Verpflichtung zu ethischen Standards für sozio-ökonomische Forschung in Europa.
Das Forschungsethik Rahmenprojekt wurde vom britischen Economic and Social Research Council (ESRC) gefördert und sollte ebenfalls einen Rahmen für sozialwissenschaftliche Forschungsethik erstellen.
Überlegungen zu ethischer Forschung sind eng im Zusammenhang zu sehen mit Fragen zu Datenschutz und Vertraulichkeit. Daher sei an dieser Stelle auf die Kapitel zu Datenschutz und Vertraulichkeit verwiesen. Auch die Diskussionen auf der Seite des Network of Economic and Social Science Infrastructures in Europe (NESSIE), die trotz Projektende weiter aufrechterhalten wird, können diesbezüglich hilfreich sein.
Ethische Forschungskodizes und Richtlinien
Eine Auswahl von Quellenangaben zu beruflichen Ethikkodizes, Richtlinien und Standards soll hier angeführt werden. Eine interaktive Datenbank zu Standards der einzelnen Disziplinen und Organisationen findet sich auf der Seite des RESPECT Projekts.
Ethische Richtlinien von Organisationen, Berufsverbänden und Disziplinen
Kultur- und Sozialanthropologie
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