Podiumsdiskussion
“Vertrauen und Betrug in der Wissenschaft – Open Access für Forschungsdaten“
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Das Wiener Institut für sozialwissenschaftliche Dokumentation und Methodik (WISDOM) hat am 16.04.2010 zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Vertrauen und Betrug in der Wissenschaft – Open Access für Forschungsdaten“ im Weltspracheninstitut geladen. Als DiskutantInnen nahmen an der Veranstaltung folgende WissenschaftlerInnen bzw. InstitutionsvertreterInnen teil: Dr. in Libby Bishop (UK Data Archiv), Univ. Prof. in Dr. in Ulrike Felt (WIFO), Univ. Doz. Dr. Karl Müller (WISDOM), Univ. Prof. Dr. Rudolf Richter (Fakultät f. Sozialwissenschaften, Uni Wien), Dr. in Andrea Schmölzer (BMWF), Dr. in Veerle van den Eynden (UK Data Archiv)
Eingangs erfolgte eine Vorstellung der DiskutantInnen mit einem abschließenden persönlichen Statement zur qualitativen Datenarchivierung und Open Access Policy. Dabei geben die beiden Britinnen einen Einblick über ihre Erfahrungen mit qualitativer Datenarchivierung, die u.a. auf eine nationale Datenarchivierungspolitik zurückzuführen ist, nach der ForscherInnen aus öffentlich geförderten Projekten dazu verpflichtet sind, ihre Daten dem Datenarchiv anzubieten. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass in UK vor Implementierung einer Datenpolitik die gleiche Debatte um „Für und Wider“ einer qualitativen Datenarchivierung stattgefunden hatte.
Dekan Univ. Prof. Dr. Rudolf Richter sprach über seine Erfahrungen mit Datenarchivierung in Bezug auf das fakultätsweite Projekt zur Archivierung qualitativer und quantitativer Daten (in Kooperation mit Wisdom) und stellte die Diversität qualitativer Daten in Blickpunkt. Er warf dabei die Frage nach der unterschiedlichen Verwertbarkeit in Bezug auf qualitative Daten auf. Sinnvoll erscheint nach seiner Meinung die Archivierung größerer qualitativer Datensätze für internationale Vergleichsstudien.
Univ. Prof.in Dr. in Ulrike Felt nahm als Wissenschaftlerin und Leiterin des Wissenschaftsforschungsinstituts eine kritische Haltung aufgrund offener Fragen zur Datenanonymisierung, Umgang mit „sensiblen“ Daten, fehlender Qualitätskontrolle sowie abwesender Einbindung von Seiten der Scientific Community in eine Open Access Policy ein. Weiters wies sie in diesem Zusammenhang auf die Notwendigkeit einer Einbettung des Bereichs Datendokumentation und Management in die Lehre hin.
Als Vertreterin des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung (Bereich Geistes-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften) stellte Dr.in Andrea Schmölzer eines vorläufigen Arbeitspapiers zur geplanten Open Access Policy vor, das zukünftig eine Datenarchivierung für drittmittelgeförderte Projekte des BMWF in Aussicht stellt. Demnach sollen Daten öffentlich geförderten Projekte innerhalb von drei Monaten nach Beendigung archiviert werden. Bei Neuanträgen soll von Seiten der ForscherInnen verpflichtend vorab recherchiert werden, ob die zu Erhebung geplanten Daten bereits vorhanden und in Archiven zugänglich sind.
Daran anknüpfend wurde das Thema Top-Down-Policy der Fördergeber und deren Konsequenzen auf die Einstellung der Scientific Community zu Open Access und Datenarchivierung diskutiert. Dabei wurde u.a. die Frage nach der Sinnhaftigkeit bzw. des Potentials für eine Bottom-Up Diskussion zum Thema gestellt. Im Interesse der Scientific Community wäre demnach die Vorgansweise wie bisher, d.h. eine Datenarchivierung nach dem Prinzip der Freiwilligkeit. Als Gründe dafür wurden in erster Linie vermehrter Zeitaufwand zur Datendokumentation und –management, eine Einschränkung der wissenschaftlichen Freiheit (in Bezug auf Datengenerierung), Beschränkung der finanziellen Mittel bzw. Zwang zur Verwendung von vorhandenen Daten für Sekundäranalysen angeführt.
 
Dem gegenüber gestellt wurden von Seiten der britischen Daten - Managerinnen, dass durch Datenarchivierung auch Studierenden, die nicht selbst an Projekten bzw. Forschungsinstituten tätig sind Zugang zu einem Datenpool für vergleichende bzw. Sekundäranalysen haben. Weiters garantiert eine Archivierung der Daten den InformantInnen, dass ihre Daten ausgiebig wissenschaftlich genutzt werden. In Bezug auf Kosten und Mühen wurde im britischen Datenarchiv die Erfahrung gemacht, dass Fördergeber bereit sind, Kosten für Datenarchivierung mit zu finanzieren und dass der finanzielle und zeitliche Aufwand umso geringer ist, je früher im Projektprozess eine spätere Archivierung mit berücksichtigt wird.
Weitere Bedenken gegenüber einer Datenarchivierung qualitativer Daten wurden in Bezug auf Forschungsethik angemeldet. Dies trifft vor allem auf schwer zugängliche Untersuchungsgruppen, wie auch auf sensible Forschungsthemen im Zusammenhang mit Krankheit, etc. zu. In diesem Zusammenhang die Frage kontroversiell diskutiert, ob durch die Einholung einer Zustimmung zur Datenarchivierung im Vorfeld der Zugang zum Feld erschwert bzw. unmöglich wird und ob sich sensible Daten, die aus einer „Vertrauensbeziehung“ zwischen ForscherIn und Befragter/m entstehen ohne dieses Kontextwissen bzw. –erfahrungen überhaupt für Sekundärdatenanalysen eignen.
Erfahrungen des britischen Datenarchivs zeigten, dass ForscherInnen mit ihrer Einschätzung darüber, ob StudienteilnehmerInnen einer Datenarchivierung zustimmen, oftmals falsch liegen. Wurden die TeilnehmerInnen (oftmals nach Abschluss der Studie) von Seiten des Datenarchivs zur Freigabe der Daten gebeten, war dies in einigen Fällen problemlos möglich, wenn auch vorab von Seiten der ForscherInnen als unmöglich erachtet. Durch diese Praxisbeispiele angeregt wurde die Position mancher ForscherInnen thematisiert, die generierte Daten zum Teil als „persönliches Eigentum“ sehen und möglicherweise auch aus diesem Grund die InformantInnen vorab aus der Diskussion um eine mögliche Datenarchivierung ausschließen.
Von Seiten der Scientific Community wurde auch der Zugang zu den Daten in Bezug auf nicht formalisierte Zugriffsberechtigungen und damit zusammenhängend Sicherheitsrisiken angesprochen. Kritisiert wurde dabei vor allem, dass mit der Implementierung einer Datenpolitik von Seiten der Fördergeber begonnen wurde, bevor noch die notwendigen rechtlichen Grundlagen geklärt sind (z.B. wer Zugriff zu den Daten erhalten wird) und Konsequenzen für die Community durchdacht wurden, wie beispielweise eine Sensibilisierung der Studierenden darüber, was es bedeutet, wenn erhobene Daten archiviert und anderen ForscherInnen zugänglich gemacht werden. Dies wurde auch vor dem Hintergrund des Betreuungsschlüssels an Österreichischen Universitäten und die daraus resultierende Sozialisation in die Wissenschaft (im Vergleich zu Großbritannien) diskutiert.
In Bezug auf die Frage der Nützlichkeit archivierter Daten und wer die Usergruppen sind, wurden Zahlen des britischen Datenarchivs genannt, nachdem deren Daten vornehmlich von StudentInnen genutzt werden (ca. 2000 Zugriffe im letzten Jahr), wobei die Sekundärnutzung quantitativer Daten bei weitem höher liegt. Darüber hinaus wurden im Bereich der Forschungsdokumentation 15.000 Downloads (qualitative und quantitativ) getätigt. Werden Daten für eine Sekundärdatenanalyse genützt, gibt es eine genaue Beschreibung, wie die Primärstudie richtig zu zitieren ist (Zitierung ist verpflichtend). Dabei wurde auch auf die aktuelle Diskussion innerhalb der britischen Scientific Community hingewiesen, in der vorgeschlagen wird, auch das zur Verfügung stellen von Daten, ähnlich wie Publikationen einen Impactfaktor erhalten sollen.
Die abschließenden Statements unterstrichen u.a. die Möglichkeit der freiwilligen Entscheidung der InformantInnen zur Archivierung ihrer Daten, die Bedeutsamkeit der Debatte innerhalb der Scientific Community, die Frage nach Qualitätskriterien für zu archivierende Daten und die Dringlichkeit einer Datenpolitik nach einem Best-Practise-Modell. Zum Seitenanfang